[06.09.2010 | Eilaktion | Update 1]

Gewerkschaften und Arbeitsrechtsorganisationen in Bangladesch fordern H&M auf, angemessene Entschädigungen für die Familien der Opfer zu zahlen, die bei dem Feuer in der Fabrik Garib&Garib im Februar diesen Jahres ums Leben kamen. Als Haupteinkäufer der abgebrannten Fabrik hat H&M zwar schnell reagiert und einen Entschädigungsplan für minderjährige und arbeitsunfähige Angehörige vorgelegt. Bisher sind jedoch keine nachhaltigen Entschädigungszahlen für die restlichen Angehörigen vorgesehen, die deren Einkommensverlust ausgleichen. Ebenso wartet die Familie eines Arbeiters, der in einem Feuer dergleichen Fabrik im August 2009 starb, noch auf eine angemessene Entschädigung. Andere internationale Käufer haben noch keinerlei Entschädigungen gezahlt.
Am 25. Februar 2010 hatte die Fabrik Garib&Garib zum zweiten Mal innerhalb von sechs Monaten gebrannt. 15 Arbeiterinnen und 6 Arbeiter erstickten. 50 weitere wurden verletzt, wovon sechs ArbeiterInnen längere Zeit mit Rauchvergiftung im Krankenhaus behandelt werden mussten. Das schwedische Modeunternehmen H&M hatte als Strickware in der Fabrik in Gazipur produzieren lassen.
Als Antwort auf das Feuer hatte H&M den dänisch-schwedische Zweig der Nichtregierungsorganisation Save the Children damit beauftragt, den Bedarf der verletzten ArbeiterInnen sowie den der nahestehenden Verwandten der verstorbenen ArbeiterInnen zu ermitteln. H&M entschied sich, Entschädigungen an die Kinder und arbeitsunfähigen Eltern zu zahlen. H&M berichtete weiter, dass alle Lieferanten aus Bangladesch beauftragt worden sind, ihre Sicherheitsmaßnahmen zu überprüfen. Laut H&M-Berichten wurden circa 105 Tausend Euro für Feuerpräventionsmaßnahmen bei Seite gelegt, welche insbesondere für zusätzliches Personal im Bereich Elektrizitätssicherheit, Feuerwehrübungen und Trainingsmaßnahmen für ArbeiterInnen vorgesehen sind.
Seit H&M bekannt gegeben hatte, den Bedarf der Opfer zu ermitteln, drängt die Kampagne für Saubere Kleidung H&M darauf, Gewerkschaften und ArbeitnehmervertreterInnen bei der Ausarbeitung eines Entschädigungsmodells einzubeziehen. Auch wenn lokale H&M-VertreterInnen einige Gewerkschaften und Arbeitsrechtsorganisationen aufgesucht und sie über die Beauftragung von Save the Children informiert hatten, fanden keine durchgängigen und ganzheitlichen Verhandlungen mit Gewerkschaften und ArbeitsvertreterInnen statt. Zu kritisieren ist weiterhin, dass die von H&M vorgesehenen Maßnahmen die Angehörigen der Opfer nicht über den zukünftigen Einkommensverlust entschädigen, der durch den Tod des Beschäftigten entstanden ist.

Die Hauptkritikpunkte des Entschädigungsmodells von H&M, welches den Fokus auf die Bedürfnisse der Kinder unter 18 Jahren sowie auf ältere Angehörige legt, sind folgende:
Die Internationale Textil-, Bekleidungs- und Lederarbeiter-Vereinigung (ITBLAV) hat H&M und andere Garib&Garib-Käufer zu einem Treffen eingeladen, um den Fall Garib&Garib und seine Folgen zu diskutieren. Die Kampagne für Saubere Kleidung begrüßt es, dass H&M plant, an dem Treffen teilzunehmen.
Wir fordern H&M, Garib&Garib, die Regierung von Bangladesch und die Arbeitgeberorganisation BGMEA auf:
Zusätzlich fordern wir insbesondere die bangladeschische Regierung auf,
Zusätzlich fordern wir H&M und andere Einkäufer auf,
(…)

(…)
Am 25. Februar hatte ein Kurzschluss den Brand im ersten Stock ausgelöst, der sich rasend schnell auf das siebenstöckige Gebäude ausbreitete, da hochentzündliche Materialien falsch gelagert wurden. Weil Notausgänge blockiert waren, schloss das Feuer die Arbeiter in den oberen Stockwerken ein. Nach Angaben von Helfern waren Feuerlöscher kaputt oder fehlten komplett. Einem Überlebenden zufolge wurden die Rettungsversuche auch dadurch behindert, dass die Feuerwehr zuerst die Fenstergitter durchschneiden musste, bevor sie in das Gebäude eindringen und die gefangenen ArbeiterInnen retten konnte.
Am 7. März erhielten die Familien der verstorbenen ArbeiterInnen etwa 2000 Euro Entschädigung. (…) Da diese Summe nicht ausreicht, muss eine langfristige Lösung mit regelmäßigen Zahlungen für die verletzten ArbeiterInnen und die Familien der Verstorbenen gefunden werden.
Wir sind sehr bestürzt, dass erneut ArbeiterInnen den Preis dafür zahlen mussten, dass Markenfirmen und die bangladeschische Regierung versagt haben, angemessene Maßnahmen zu ergreifen, um solche Unfälle zu verhindern. Es besteht einer Kultur der Straflosigkeit, die solche Vorfälle einfach nur als tragische Unfälle abschreibt und Verantwortliche nicht zur Rechenschaft zieht.
Die Clean Clothes Campaign hat europäische und US-amerikanische Textilkonzerne kontaktiert, die Produkte von Garib&Garib Sweater Ltd bezogen haben. Die ArbeiterInnen fordern eine strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen und langfristige Entschädigungen für alle Opfer.
(…)

Die bangladeschischen Textilfabriken sind für ihre unsicheren Arbeitsbedingungen bekannt. Trotzdem ergreifen FabrikbesitzerInnen, die bangladeschische Regierung sowie Bekleidungsfirmen nicht ausreichende Maßnahmen, um die Sicherheit der ArbeiterInnen zu schützen.
H&M hatte bestritten, dass es Sicherheitsmängel bei Garib&Garib gegeben hat. Nach ihren Aussagen zufolge ergab ihr Unternehmensaudit vom Oktober 2009, dass deutlich markierte Notausgänge und funktionierende Feuerlöscher vorhanden waren. Die bloße Existenz von Notausgängen hilft allerdings nicht weiter, wenn diese blockiert sind. Das gleiche gilt für kaputte Feuerlöscher, von denen niemand weiß, wie sie zu bedienen sind.
Mit Blick auf die mitunter tödlichen Folgen ist es nicht länger vertretbar, dass Untersuchungen, die Sicherheitsmängel konstatieren, unter Verschluss gehalten werden. Die Industrie muss transparent werden und sich zur Rechenschaft gegenüber den ArbeiterInnen, der Regierung und der Öffentlichkeit verpflichten.
Der Garib&Garib-Fall beweist wieder einmal, dass Fabrikaudits ihr Ziel verfehlen, ernsthafte Verletzungen internationaler Arbeitsrechte und unternehmerischer Verhaltenskodizes aufzuzeigen und dass die Gewerbeaufsicht und Regierungskontrollen erschreckend unzulänglich sind. Gleichzeitig bedeutet die andauernde Diskriminierung von Gewerkschaften innerhalb der Unternehmen, dass ArbeiterInnen nicht in der Lage sind, Verletzungen der Gesundheits- und Sicherheitsbestimmungen öffentlich zu machen. Wenn die Industrie ernsthaft zukünftige tödliche Tragödien verhindern will, muss sie ArbeiterInnen direkt in die Überprüfung der Gesundheits- und Sicherheitsstandards involvieren. Dazu muss jedoch das Recht auf Vereinigungsfreiheit respektiert und unterstützt werden.
Die Clean Clothes Campaign (CCC) sowie andere internationale Arbeitsrechtsorganisationen haben in Zusammenarbeit mit der Internationalen Textil-, Bekleidungs- und Lederarbeiter-Vereinigung (ITBLAV) internationale KäuferInnen aufgefordert, die Sicherheit in der bangladeschischen Bekleidungsindustrie zu verbessern. Die CCC und ihre Partner diskutieren mit den einigen Hauptkäufern Bangladeschs mittlerweile einen kollektiven Ansatz.
Zu den Firmen, die 2009 und 2010 ebenfalls bei Garib&Garib produzieren ließen, zählen die italienische Firma Teddy (Marke Terranova), die türkische Firma Taha Group (Marke LC Waikiki), die spanische Firma El Corte Ingles, die französische Firma Provera und die kanadische Firma Marks Work Wearhouse. Nach Informationen der Kampagne für Saubere Kleidung hatte der Hersteller von Damenmode in Übergröße Ulla Popken ebenfalls ebenfalls kurz vor dem Brand bei Garib&Garib bestellt.
Die Clean Clothes Campaign (CCC), das kanadische Maquila Solidarity Network und das amerikanische International Labour Rights Forum hatten die genannten Käufer nach dem Brand kontaktiert. Teddy und LC Waikiki kündigten an, sich an den Entschädigungen für die Opfer zu beteiligen. Dennoch wurden bis jetzt keine Vorschläge eingereicht. Provera kündigte zwar an den Familienopfern zu helfen, informierte allerdings nicht über die Vorgehensweise. El Corte Ingles hat bis jetzt nicht auf die Forderung nach Entschädigungssummen reagiert. Berichten zufolge stellte Marks Work Wearhouse die Produktion aufgrund der chronischen Sicherheitsmängel nach dem ersten Feuer im August 2009 bei Garib&Garib ein. Die CCC fordert diese Käufer ebenfalls auf, sich mit den Gewerkschaften auf Entschädigungszahlungen zu einigen.
Da Ulla Popken nie auf die Forderungen reagierte, muss damit gerechnet werden, dass sie jegliche Verantwortung für den Tod der Garib-ArbeiterInnen verneinen.