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Erste umfassende Kontrolle nach CCC-Modell in Deutschland
Pilotprojekt mit Hess Natur erfolgreich abgeschlossen
Zwei Jahre nach Start des Pilotprojekts zwischen der CCC und dem Naturtextilversender Hess Natur wurde am 28.4. 2005 auf einer gemeinsamen Pressekonferenz der Abschlußbericht der Öffentlichkeit vorgestellt. Hess Natur trat als erstes Unternehmen in Deutschland der Fair Wear Foundation bei und erfüllt somit alle Voraussetzungen für eine unabhängige transparente Verifizierung (Kontrolle). Von Maik Pflaum, CIR
Am Anfang stand die Konfrontation. Aufgeschreckte KundInnen wollten von Hess Natur wissen, wie es mit der Kontrolle der Sozialstandards in den Hess Natur-Zulieferfabriken bestellt sei. Ein Artikel in einer CCC-Aktionszeitung, die die CIR herausgegeben hatte, stellte im April 2001 diese Frage. Auch die Kleidung mit dem Zertifikat des IVN, des Internationalen Verbands der Naturtextilwirtschaft e.V., wurde kritisch betrachtet. Hess Natur reagierte aufgebracht und fühlte sich ungerecht behandelt. Im September 2001 trafen sich VertreterInnen von Hess Natur, des IVN und der CCC. In diesem und weiteren Treffen konnten die von der CCC aufgeworfenen Fragen sowie die Forderung nach einer unabhängigen Kontrolle der Zulieferbetriebe nachvollzogen werden. Inhaltlich stark diskutiert war die Lohnfrage, Stichwort »Living Wage«, und das Mindestalter der ArbeiterInnen: Man einigte sich darauf, dass das Ziel, einen Lohn zu bezahlen, der die Grundbedürfnisse der ArbeiterInnen sowie der von ihr abhängigen Familienangehörigen abdeckt, aufrecht erhalten bleiben müsse. Bezüglich des Mindestalters verständigte man sich auf die ILO-Konvention Nr. 138, in der 15 Jahre festgeschrieben sind. Im April 2003 modifizierte Hess Natur seinen Verhaltenskodex. Die »Hess Natur-Sozialstandards« entsprechen seitdem den Standards des CCC-Kodex.
Bei weiteren Treffen wurde die Möglichkeit eines Praxistests von Hess Natur-Zulieferbetrieben erwogen. Ziel war, ein effektives und transparentes Kontrollsystems zu entwickeln. Hierfür gründete man eine CCC-Hess Natur-Arbeitsgruppe. Nach der Unterzeichnung einer Vereinbarung startete das Pilotprojekt am 10.7.2003 mit einer Pressekonferenz in Frankfurt. Das Kontrollmodell ist eine Kombination aus firmeninternem Monitoring durch Hess Natur und unabhängiger Verifizierung. Es wurde bei elf Lieferanten in Deutschland, Polen und Lettland erprobt. In einem ersten Schritt wurden die ArbeitnehmerInnen in den Betrieben über ihre Rechte informiert. Daran schloss eine Abfrage der Arbeitsbedingungen durch Hess Natur mittels Fragebogens an. Zeitgleich wurden durch die CCC über Gewerkschaften und andere unabhängige Organisationen entsprechende Informationen über die Betriebe eingeholt. Anhand dieser Informationen wurden die Betriebe eingestuft: bei einer Beurteilung ohne Bedenken, mit »GRÜN«, war das Verfahren abgeschlossen. Bei »GELB« oder »ROT«, also kritischen Ergebnissen bzw. Informationslücken, wurde detaillierter nachgefragt bzw. eine Kontrolle im Betrieb durch unabhängige PrüferInnen der Multi-Stakeholder-Initiative Fair Wear Foundation (FWF) durchgeführt.
Umsetzung der Sozialstandards
Die Fragebögen, die Auskünften der IG Metall über zwei deutsche Zulieferfabriken und die beiden Audits der FWF vermitteln ein gemischtes Bild in Bezug auf die Verwirklichung der Sozialstandards in den Hess Natur-Produzenten: Vieles ist umgesetzt, allerdings lassen sich auch Probleme bei der Einhaltung der Standards zu »Vereinigungsfreiheit« und »Living Wage« ablesen. Bei einem deutschen Zulieferbetrieb wurde kein Lohn gezahlt, der die Grundbedürfnisse der ArbeiterInnen und ihrer unmittelbar abhängigen Familienmitglieder abdeckt und zusätzlich noch einen Betrag zur freien Verfügung enthält. In vielen Firmen gab es keine gewerkschaftliche Organisation und teilweise ließ sich eine gewerkschaftsfeindliche Einstellung erkennen. In zwei Zulieferbetrieben in Polen wurden Verletzungen der Arbeitszeitregelung sowie die Zahlung von Löhnen, die unter dem Living-Wage-Niveau lagen, festgestellt. Je nach Einstufung des Lieferanten wurden Korekturpläne erstell und Verbesserungsprozesse eingeleitet. Eine noch zu lösende Aufgabe ist die Weitergabe von Aufträgen an Sublieferanten. Dies ist noch ungenügend erforscht.
Nach Abschluss des Pilotprojektes wird in einem nächsten Entwicklungsschritt das Kontrollmodell überarbeitet und auf alle Lieferanten von Hess Natur übertragen werden. Diese Weiterentwicklung erfolgt im Rahmen der noch neuen Mitgliedschaft von Hess Natur in der Fair Wear Foundation. Gemäß der Arbeitsprinzipien der FWF, sowie der im Pilotprojekt gewonnenen Erfahrungen, soll dabei 2005 bei Hess Natur ein umfassendes Managementsystem für Sozialstandards erstellt werden. Grundlegende Elemente des Systems werden neben dem internen Monitoring der Aufbau eines Beschwerdesystems und die unabhängige Verifizierung des Systems durch die Fair Wear Foundation sein.
Novum in Deutschland
Sowohl Hess Natur als auch die CCC zeigten sich mit dem konstruktiven Verlauf des Pilotprojekts sehr zufrieden. Einige Elemenete des Modells müssen leicht modifiziert werden, wie etwa die Fragebögen. Die Mitgliedschaft von Hess Natur in der holländischen FWF stellt ein Novum in Deutschland dar – und einen Durchbruch für die Einhaltung der Sozialstandards. Dank der gemischten Trägerstruktur in den Niederlanden – eine Einzelhandelsvereinigung, eine Vereinigung der Bekleidungszulieferer, Gewerkschaften und NRO – genießen die Aussagen der FWF hohe Glaubwürdigkeit. Ihre Arbeitsweise zeichnet sich durch die Beteiligung lokaler Akteure des jeweiligen Produktionslandes aus. Dies ist die verlässlichste Herangehensweise, um realistische Informationen über die Arbeitsbedingungen zu erhalten. Gleichzeitig verschafft sich die FWF aber auch einen Einblick in das Managementsystems des Auftraggebers – in diesem Falle Hess Natur. Nur so kann betrachtet werden, ob es einem Zulieferer z. B. in Lettland überhaupt möglich ist, den Verhaltenskodex einzuhalten, oder ob ihn zu geringe Abnahmepreise und zu knappe Lieferfristen förmlich »zwingen«, Hungerlöhne zu zahlen und Überstunden anzuordnen.
Da die FWF bisher nur in den Niederlanden arbeitete, wurde im März 2005 auf Initiative der CIR in Deutschland ein Gremium mit allen Akteursgruppen (Multi-Stakeholder-Gremium) ins Leben gerufen, welches die Arbeit der FWF mit deutschen Unernehmen begleitet. Mitglieder sind die IG Metall, in die die Gewerkschaft Textil Bekleidung aufgegangen ist, die CIR für die deutsche CCC sowie als erstes Unternehmen Hess Natur. Dieses Gremium wird die Mitgliedschaft von Hess Natur in der FWF in Bezug auf die Einführung (»Implementierung«) und Kontrolle (»Verifizierung«) des Kodex inhaltlich begleiten. Auf einem jährlich stattfindenden Treffen werden die CCC und die IG Metall zusammen mit Hess Natur und der FWF den Hess Natur-Jahresbericht über die Kodex-Implementierung bewerten. CCC und IG Metall werden die Öffentlichkeit über den Stand der Mitgliedsarbeit von Hess Natur informieren. Das Multi-Stakeholder-Gremium wirbt um die Mitgliedschaft weiterer deutscher Unternehmen in der FWF. In diesem Fall ist eine Vergrößerung des Gremiums um weitere Gewerkschaften und NROs möglich.
Resümee
Mit dem Beitritt von Hess Natur zur FWF wurde eine Kernforderung der CCC an Bekleidungskonzerne erfüllt: Die transparente, unabhängige Kontrolle (»Verifizierung«) durch eine »Multi-Stakeholder-Initiative«. Gleichzeitg überschritt die FWF die holländischen Landesgrenzen und kann nun, über Deutschland hinaus, ein Modell auch für andere europäische Initiativen sein. Möglich wurde dies nicht zuletzt durch das beherzte Nachfragen von KonsumentInnen bei Hess Natur. Dieses Positivbeispiel zeigt, dass und wie etwas für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der globalisierten Bekleidungsindustrie getan werden kann.