Zur Website der CCC International
HomeThemenDiscounterEin Blick hinter die Kulissen bei Aldi

Ein Blick hinter die Kulissen bei Aldi

2012-05-24-Aldi-Jo.Schz[25.05.2012]

Wie der verschwiegene Handelsriese Aldi wirklich tickt, wird immer stärker zum Thema. Die Cleverness, mit der die beiden Brüder Karl und Theo Albrecht ihr Billig-Reich aufgebaut haben, ist inzwischen Legende und hat die nach Nord und Süd aufgeteilten Konzern-Gesellschaften zur Kultmarke gemacht: In Deutschland gibt es Aldi-Parties, Aldi-Ratgeber, Aldi-Fanclubs und Aldi-Rezepte.

"Um das eigentliche Erfolgsrezept geht es dabei ganz sicher nie: Ein unbeirrbarer, gnadenloser Druck bei allen Kostenstellen – insbesondere beim Einkauf im In- und Ausland und beim "Faktor Arbeit" – hat die Kette mit ihren knapp 10.000 Filialen weltweit und in Deutschland zur Speerspitze der Discounter gemacht. Mit 57 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr spielt Aldi ganz oben in der globalen Liga der Einzelhändler mit. Im Unternehmen herrscht weder ein System von "Einschüchterung, Kontrolle und Misstrauen", noch werden langjährige Mitarbeiter entlassen und durch günstigere ersetzt", behauptete eine Sprecherin von Aldi Süd Ende April unmittelbar nach Erscheinen eines sehr kritischen Insider-Reports. In seinem Buch "Aldi – Einfach billig" deckt Andreas Straub, Ex-Manager der Bezirksebene, die Rücksichtslosigkeit seines ehemaligen Arbeitgebers im Umgang mit dem Personal auf.

Das schnelle Dementi des Discounters bringt die Vorwürfe ungewollt auf den Punkt. Das belegen die Ergebnisse eigener Recherchen hinter den Kulissen der biederen Aldi-Fassade. Das Prädikat "gut" mag für viele Produkte gelten, für die Arbeitsbedingungen in den hiesigen Filialen und in den Zulieferfabriken Asiens in der Regel nicht.

Zusätzliche Arbeit vor und nach Ladenöffnung wird hierzulande systematisch verlangt, aber vielfach nicht erfasst und nicht bezahlt. Dafür gibt es Zeugenaussagen quer durch die Republik. Durch diese Ausdehnung der Arbeitszeit wird die oft übertarifliche Bezahlung relativiert – bis hin zu untertariflicher Bezahlung. Beispiel: Eine Stunde Mehrarbeit pro Tag entspricht fast 1,5 Monatsgehältern im Jahr. Das Image des guten und fairen Arbeitgebers ist die Aldi-Lüge schlechthin.

Die dünne Personaldecke – in der Regel arbeiten nur zwei Beschäftigte zur gleichen Zeit – führt dazu, dass die zum Teil unbezahlte Vor- und Nacharbeit "freiwillig" gemacht wird. Trotz Arbeitshetze und enormer Belastung wäre anderenfalls das Pensum nicht zu schaffen.

Skandalös ist auch der Umgang mit dem Betriebsverfassungsgesetz. Im Süden sorgt Aldi mit allen Mitteln dafür, dass dieser Unternehmensteil eine betriebsratsfreie Zone bleibt. Bis auf eine bekannte Ausnahme ist dies bis heute gelungen: Im Rhein-Main-Gebiet gibt es seit September 2011 einen Betriebsrat, der allerdings aus drei Filialleitern besteht. Eine Kassiererin und ihre zwei Kollegen, die ursprünglich die Initiative für eine betriebliche Interessenvertretung ergriffen hatten, waren durch auffällig viele Testkäufe, konstruierte Beschuldigungen und Abmahnungen unter Druck gesetzt worden. Inzwischen haben sie Aldi Süd verlassen.

Im Rhein-Main-Gebiet haben solche Aldi-Tricks offenbar eine lange Tradition. Schon einmal gab es einen Betriebsrat aus "linientreuen" Filialleitern. Einer von ihnen hat viele Jahre geschwiegen, obwohl er die manipulierte Wahl bald bereute. In einem Dossier über seine Zeit bei Aldi nennt er es "überraschend und neu", als plötzlich eine Betriebsratswahl stattfinden durfte. Der Hintergedanke aber sei gewesen, dass das Unternehmen die Wahl steuern müsste, "damit die Gewerkschaft, damals die HBV, heute ver.di, nicht ins Unternehmen kommen sollte". Aktiv an der Vorbereitung beteiligt waren danach auch der Verkaufsleiter und der Geschäftsführer der Niederlassung. "Wir wurden darüber informiert, wer die geheime Wahl für den Betriebsratsvorsitz gewinnen würde und wer sein Stellvertreter sein würde", heißt es in dem Dossier. Unser Zeuge sagt:  "Die Praxis der Verhinderung der Mitbestimmung gibt es noch heute."

In der Schwestergesellschaft Aldi Nord, wo es in fast allen Niederlassungen Betriebsräte gibt, hat sich die Führungsspitze andere "kreative Lösungen" ausgedacht. Oft spielt darin die arbeitgeberfreundliche Organisation AUB eine entscheidende Rolle. Obwohl 2008 eine Finanzierung von 120.000 Euro pro Jahr durch Aldi Nord aufgedeckt worden war, stellt diese gewerkschaftsfeindliche Vereinigung in etlichen Discounter-Regionen die Mehrheit des Betriebsrats. Und manchmal werden die Mehrheitsverhältnisse erst nach der Wahl in diese Richtung korrigiert...

Das belegt ein gegen den Betriebsrat in Schwelm (NRW) gerichtetes Strategiepapier zur Einführung längerer Geschäftszeiten. Es stammt aus der Essener Kanzlei des langjährigen Aldi-Anwalts Emil Huberund ist direkt an Geschäftsführer und Mitglieder des Verwaltungsrats, der Kommandozentrale von Aldi-Nord, gerichtet. Dabei geht es um eine „Aufklärungskampagne“ mit dem Ziel „Abwahl des BR im Jahr 2006, um dann, wenn ein neuer BR gewählt ist, schließlich mit diesem die gewünschte Arbeitszeitänderung herbeiführen zu können“.

Das nachfolgend beschriebene Verfahren kommt einigen ver.di-Betriebsräten bei Aldi verdächtig bekannt vor: Der nicht Arbeitgeber-konforme Betriebsrat soll innerbetrieblich durch eine Handvoll williger Filialleiter, die auch heftige Diskussionen anzetteln, als Störer und arbeitsplatzgefährdend dargestellt werden. Im Punkt 5 der Empfehlungen des Strategiepapiers heißt es schließlich: „Übernahme aller Aktivitäten durch die AUB“.

Wie seinerzeit in Berlin! Am Aldi-Sitz im nördlichen Berlin sowie in der Regionalzentrale Großbeeren kurz hinter der südlichen Stadtgrenze wurde im Vorfeld der Betriebsratswahlen 2002 wie nach einem Drehbuch verfahren, das die AUB ins Spiel brachte: Erst mündliche Stimmungsmache durch einige Filialleiter gegen die von ver.di-Mitgliedern geführten Betriebsräte. Dann auch Rundschreiben an alle Beschäftigten im Verkauf mit dem Tenor, die Gewerkschaftsleute würden angeblich Umsätze und Arbeitsplätze gefährden. „Wer die Falschen wählt, muss mit weniger Geld rechnen“ – dieser und ähnliche Sprüche machten die Runde. Schließlich wurde das Kräfteverhältnis in den beiden Betriebsräten völlig gekippt und die AUB stellte die Mehrheiten.

Seither gibt es immer wieder Angriffe auf Betriebsräte mit ver.di-Mitgliedschaft, die u.a. mit fadenscheinigen Begründungen abgemahnt werden. Und noch heute wird offen oder unter der Hand mit finanziellen Verschlechterungen und regelmäßig mit der Auslagerung der Fuhrparks gedroht, wenn gegen Widerstände aus dem Betriebsrat bestimmte Maßnahmen durchgedrückt werden sollen.

In Berlin und in vielen anderen Niederlassungen wirft die ver.di immer wieder eine Frage auf, um deren Beantwortung sich die Discount-Könige seit langem drücken: Warum eigentlich wird keine korrekte Arbeitszeiterfassung eingeführt?

Andreas Hamann

 

Spenden

Spenden Sie für die Kampagne für Saubere Kleidung. Herzlichen Dank!

Spenden

Newsletter-Anmeldung

Haben Sie Fragen?

Gisela Burckhardt
Gisela.Burckhardt@femnet-ev.de

Laura Ceresna-Chaturvedi
eilaktionen@saubere-kleidung.de