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Europaweite Kampagne "No more excuses - keine Ausreden mehr"

ArbeiterInnen verlassen das Fabrikgelände.[01.10.2012]

Ein Existenzlohn ist ein zentrales Arbeits- und Menschenrecht, um ein Leben in Würde zu führen. In den meisten Produktionsländern von Bekleidung und Textilien sind die Löhne der NäherInnen jedoch meilenweit von einem existenzsichernden Lohn entfernt.

In Kambodscha beträgt der gesetzliche Mindestlohn 61US$ (ca. 47€) pro Monat. Dazu kommen 10 US$ Anwesenheitsbonus und 7 US$ als Beitrag zu die Transport- und Mietkosten. Der gesetzliche Mindestlohn wurde nach einem sektorweiten Streik im Jahr 2010 von 56US$ auf 61US$ angehoben. Durch steigende Nahrungsmittelpreise, höhere Kosten für Transport, Energie und Miete haben die ArbeiterInnen am Ende des Monats aber heute noch weniger Geld in der Tasche, als vor dem Lohnanstieg. Die Regierung hat den neuen Mindestlohn, der am 1. Oktober 2010 in Kraft trat, zudem bis 2014 eingefroren. Dies, obwohl mit einer durchschnittlichen Inflation von 5-7% und somit mit einem weiteren Lohnverlust gerechnet wird.

Hungerlöhne haben direkte Auswirkungen auf die ArbeiterInnen und ihre Familien: extrem lange Arbeitstage, Mangelernährung, schlechte Wohnbedingungen, ungenügende medizinische Versorgung. In kambodschanischen Fabriken sind in den letzten Jahren hunderte von ArbeiterInnen vor Hunger und Erschöpfung kollabiert, allein im Jahr 2011 wurden rund 2400 Ohnmachtsanfälle bekannt.

Europas führende Modeunternehmen sind in diese skandalöse Hungerlohnpraktiken verwickelt
Die bekannten Marken und Modehäuser sind darum seit Längerem im Fokus von MenschenrechtsaktivistInnen in ganz Europa. Die AktivistInnen der Clean Clothes Campaign demonstrierten im September gegen die Ausbeutung, indem sie Ohnmachtsanfälle in den Eingängen von Filialen in London, Warschau, Kopenhagen und Paris, in Amsterdam und Brüssel vortäuschen. Damit weisen sie auf die zahllosen Schwächeanfälle von ArbeiterInnen in kambodschanischen Fabriken hin, die unterernährt und zum Hungerlohn für Gap, H&M, Zara und Levi`s die neueste Mode nähen.
Diese Aktionen sind der Start einer europaweiten Kampagne für einen Lohn zum Leben. Damit wird die strategische Vorgehensweise der Markenunternehmen in Kambodscha missbilligt.
Die Bekleidungsindustrie gehört in Kambodscha zu den Schlüsselindustrien für Exporteinnahmen und beschäftigt durchschnittlich 350.000 bis 400.000 Personen. Die große Abhängigkeit von diesem Exportstandbein führt dazu, dass Kambodscha aus Wettbewerbsgründen ein Interesse hat, die nationalen Mindestlöhne tief und somit investorenfreundlich zu halten. Mit den steigenden Lohnkosten in China wurde Kambodscha umso mehr zu einem begehrten Produktionsland, um billig Massenware zu produzieren.
H&M, Gap, Levis und Zara gehören zu den Hauptkunden in Kambodscha und haben es deshalb in der Hand, dass sich die Situation für die kambodschanischen NäherInnen verbessert.
In Kambodscha fand 2012 ein von ArbeiterInnen und der Asia Floor Wage (AFW) organisiertes Tribunal statt. “Das Volkstribunal machte die tiefe Kluft zwischen den Versprechen von Verantwortung seitens der Unternehmen und der realen Situationen der asiatischen TextilarbeiterInnen sichtbar“, sagt Anannya Bhattacharjee (Asia Floor Wage).

Armut trotz Arbeit
Die Massenohnmachtsanfälle werden eindeutig mit der gravierenden Mangelernährung in Zusammenhang gebracht. Einer Textilarbeiterin steht pro Tag durchschnittlich 1 US-$ für Nahrungsmittel zur Verfügung. Damit kann sie sich etwas Reis und eine Suppe kaufen. Das sind ca. 1500 Kalorien pro Tag – viel zu wenig, um den harten Fabrikalltag unbeschadet zu überstehen. Dazu müssen die ArbeiterInnen, 90% sind junge Frauen zwischen 18 und 35 Jahren, meist für Kinder und Familie aufkommen – und das bei steigenden Kosten. Der ihnen gezahlte Mindestlohn reicht dafür bei Weitem nicht aus. Durch gestiegene Lebenshaltungskosten bleibt immer weniger vom Lohn über.
Die Forderung der AFW nach einem existenzsichernden Lohn in Höhe von 274 US$ wird deshalb von der Clean Clothes Campaign - Kampagne für Saubere Kleidung unterstützt. „Firmen wie Gap und H&M müssen endlich öffentlich Rechenschaft darüber ablegen, wieso sie jährlich Riesengewinne machen und dennoch den verarmten Beschäftigten ihrer Zulieferer keinen Existenzlohn bezahlen. Es kann nicht sein, dass TextilarbeiterInnen 12 Stunden pro Tag schuften und dennoch vor Hunger kollabieren.“ Berndt Hinzmann, Kampagne für Saubere Kleidung.
Im Fall Kambodscha liegen klare Menschenrechtsverletzungen vor und die Tatsachen sprechen für sich.
Athit Kong, Vize-Präsident der kambodschanischen Gewerkschaft C.CADWU: „ArbeiterInnen können von diesem Lohn nicht leben.“ Ein Lohn zum Leben wäre das Vierfache der derzeit staatlich festgesetzten Summe!
Der Zusammenschluss der Vertreter für Arbeitsrechte in Kambodscha hat in 2012 den Kalorienverbrauch der FabrikarbeiterInnen untersucht. Das Ergebnis: durchschnittlich fehlen täglich 500 Kalorien. Viele ArbeiterInnen bemängelten: das Essen, dass sie sich leisten können, sei nicht besonders nahrhaft.
„Die Clean Clothes Campaign fordert seit Jahrzehnten für die ArbeiterInnen in den Zulieferbetrieben Löhne zu realisieren, die zum Leben ausreichen. Die Gegenargumente der Unternehmen blieben beständig die gleichen und sind keinesfalls innovativ. Es sind fadenscheinige Ausreden,“ so Jeroen Merk von der Internationalen Clean Clothes Campaign. „Wenn kambodschanische ArbeiterInnen massenhaft vor Erschöpfung zusammenbrechen, weil die Unternehmen sich weigern etwas zu tun, dann haben wir keine andere Wahl als eine Kampagne zu starten.“


Wie definiert die CCC einen Existenzlohn?
Die CCC orientiert sich an den ILO-Kernarbeitsnormen 95 und 131, an den ILO-Empfehlungen 131 und 135 und an der Menschenrechtsdeklaration (Artikel 23) und definiert einen Existenzlohn wie folgt:
«Löhne und Lohnzulagen für eine Standardarbeitswoche entsprechen zumindest dem gesetzlichen Mindestlohn, respektive dem industrieüblichen Lohn, decken in jedem Fall die Grundbedürfnisse der ArbeiterIn und ihrer Familie und lassen darüber hinaus ein frei verfügbares Einkommen.»
Zusätzlich definiert die CCC, dass ein Existenzlohn

  • für alle ArbeiterInnen gilt und es somit keinen tieferen Lohn als den Existenzlohn gibt.
  • in einer Standardarbeitswoche von max. 48 Stunden erwirtschaftet wird.
  • dem Netto-Grundlohn für eine Standardarbeitswoche entspricht, d.h. keine Lohnzuschläge oder Spesenvergütungen beinhaltet.
  • die Grundbedürfnisse einer Familie in der Größe von zwei Erwachsenen und zwei Kindern deckt.
  • darüber hinaus ein freiverfügbares Einkommen übriglässt, dass mindestens 10% des Geldbedarfs zur Deckung der Grundbedürfnisse entspricht.

Was fordert die CCC von den Firmen?
Ein Existenzlohn kann nicht von heute auf morgen umgesetzt werden. Die CCC fordert daher von den Firmen ein stufenweises, aber konsequentes Vorgehen:
Als kurzfristige Sofortmaßnahmen in Kambodscha fordert die CCC:

  • Anhebung des Grundlohnes
    • Öffentliche Unterstützung der Lohnforderung der kambodschanischen Gewerkschaften von 131US$.
    • Umsetzung dieser Lohnforderung bei den eigenen Lieferanten.
  • Anhebung der Lohnzuschüsse
    • Zuschuss für Transport/Miete von heute 7 US$ auf 15 US$ monatlich.
    • Anwesenheitsbonus von heute 10 US$ auf 12 US$ monatlich.
    • Zusätzlicher Lohnzuschuss von 1.5 US$ pro Tag für Frühstück, Mittagessen und Abendessen.
  • Verbesserung der Lohnverhandlungen in Fabriken
    • Etablierung eines regelmäßigen Verhandlungsrhythmus zwischen Firmenvertretung, lokalem Management und Gewerkschaft/ ArbeiterInnenvertretung.
    • Gemeinsame Erarbeitung einer Methode zur Erhebung der Lohnsituation und zur Umsetzung eines Existenzlohnes mit Gewerkschaft/ArbeiterInnenvertretung.


Langfristige Maßnahmen
Für die Umsetzung eines Existenzlohnes braucht es einen Aktionsplan mit Maßnahmen-, Zeitplan und Meilensteinen. Firmen können die Forderung nach einem Existenzlohn unterstützen, indem sie folgende Schritte gehen:

  • Die Verpflichtung zur Bezahlung eines Existenzlohnes an alle ArbeiterInnen in der Lieferkette klar im Verhaltenskodex festhalten!
  • Sich aktiv für die Förderung und Respektierung von Gewerkschaftsfreiheit einsetzen!
  • In Dialog treten mit der Asia Floor Wage Alliance und anderen lokalen Gewerkschaften und NGO!
  • Öffentlich die AFW-Lohnforderung als Richtgröße für die Höhe eines Existenzlohns unterstützen!
  • Eigene Einkaufspraxis und Einkaufsvorschriften anpassen, damit ein AFW-Existenzlohn umgesetzt werden kann!
  • In Zusammenarbeit mit der AFW Pilotprojekte zur Umsetzung eines AFW-Existenzlohnes starten!
  • An Regierungen in Produktionsländern schreiben und sie dazu auffordern, den AFW-Existenzlohn als nationalen Mindestlohnstandard zu übernehmen!
  • Öffentlich über die Bemühungen zur Umsetzung eines AFW-Existenzlohnes berichten!
  • Im Verbund mit andern Firmen, Lieferanten, Gewerkschaften und NGO arbeiten!

Schluss mit den Ausreden – Existenzlohn für alle!
Fordern Sie von H&M, Gap, Levis und Zara:

  • Die sofortige Unterstützung und Umsetzung des von den kambodschanischen Gewerkschaften geforderten Lohnanstiegs auf 131 US$ pro Monat!
  • Höhere Lohnzuschüsse für Anwesenheit, Essen, Unterkunft und Transport in den Zulieferbetrieben!
  • Aktive Unterstützung und Durchführung regelmässiger Lohnverhandlungen mit Gewerkschaften!
  • Erarbeitung und Veröffentlichung eines konkreten Aktionsplans für die Bezahlung eines Existenzlohnes gemäß Asia Floor Wage Alliance (AFW) in der eigenen Zulieferkette!

» Hier gehts zum Video über die Arbeitsbedingungen und das Überleben mit einem Hungerlohn in Kambodscha.

Weitere Informationen:

„No more excuses – Keine Ausreden mehr“ - Forderungen der internationalen Kampagne
AsiaFloorWage

 

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