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TOP 10 der beliebtesten Ausreden weshalb eine Firma keinen Existenzsichernden Lohn bezahlen will

2013-06-28-Top10[28.06.2013]

Ausrede 1:
Ein die Existenz sichernder Lohn ist nicht Firmenaufgabe, sondern Regierungsaufgabe. 

Natürlich sollte ein gesetzlicher Mindestlohn, der durch die Regierungen festgelegt wird, eigentlich auf einem Existenz sichernden Niveau sein. Aber es gibt klare Gründe, weshalb das heute in der Textilindustrie nicht der Fall ist. Unter dem internationalen Wettbewerbsdruck sehen sich Regierungen gezwungen, ihre Lohnpolitik primär investorenfreundlich zu gestalten. Sie wissen nur zu gut, dass die Gefahr der Produktionsverlagerung ins billigere Ausland droht, falls die Löhne angehoben werden. Tiefe Löhne sind noch immer ein entscheidender Standortvorteil.

Multinationale Modekonzerne dominieren die Textilindustrie und sitzen am Machtschalter, nicht die Regierungen der Produktionsländer. Modekonzerne stehen daher in der Pflicht, dass sie sich zu einem Existenzlohn bekennen und gegenüber den Regierungen klarmachen, dass sie die Produktion nicht ins Ausland verlagern, falls der Lohn auf ein Existenz sicherndes Niveau angehoben wird. Es ist zudem zentral, dass Modekonzerne die ganze Lieferkette berücksichtigen und mit anderen Modefirmen zusammenarbeiten, um global einen Existenzlohn umzusetzen.

Ausrede 2:
Es ist unmöglich einen die Existenz sichernden Lohn zu bezahlen, weil es keine allgemein anerkannte Berechnungsmethode für einen Existenzlohn gibt.

Aus Sicht der ArbeiterInnen ist diese Ausrede besonders absurd. Es ist offensichtlich, dass die Löhne nicht zum Leben reichen, das bestreiten sogar viele Firmen nicht. Weil sich aber die Business-Community nicht auf eine gemeinsame Messgrösse für einen Existenzlohn einigen kann, starten viele Firmen noch nicht einmal den Versuch, die Löhne nach oben zu korrigieren. Die Forderung nach einem Existenzlohn besteht schon lange, es gab aber kaum ernsthafte Versuche der Firmen, dieses drängende Problem anzupacken. Es ist nicht so, dass kein Konsens über eine Berechnung und Messgröße (Benchmark) eines die Existenz sichernden Lohnes möglich wäre – vielmehr fehlt der Wille der beteiligten Unternehmen, einen solchen Konsens zu finden.

Die Asia Floor Wage Allianz (AFW), ein Zusammenschluss von gut 80 asiatischen Gewerkschaften und NGO, hat ein breit abgestütztes Berechnungsmodell und eine klare Lohnforderung für einen Existenzlohn aufgestellt. Die Lohnhöhe basiert auf konkreten Erhebungen der Lebenshaltungskosten von TextilarbeiterInnen und ihrer Familien in Asien. Das AFW-Existenzlohnmodell wurde bei zahlreichen Anlässen vorgestellt. Viele Firmen fanden diesen Ansatz interessant. Bisher gibt es jedoch kein Unternehmen, das den AFW-Existenzlohn als Messgröße (Benchmark) etabliert und deren Bezahlung eingeführt hat.

Ausrede 3:
Wenn die Löhne ansteigen, verlieren die Produktionsländer ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Der Lohnkostenanteil für die Produktion macht nur gerade 1-3% des Endverkaufspreises aus. Selbst wenn der Lohn der NäherInnen also verdoppelt würde, wäre das nur ein kleiner Betrag für einen Modekonzern. Markenfirmen müssen also endlich aufhören, tiefe Löhne als Standortvorteil zu sehen und Länder gegeneinander auszuspielen. Es ist nötig, in die Ausbildung, Infrastruktur und langfristige Zusammenarbeit mit Lieferanten zu investieren, so dass Produktivität, Verlässlichkeit oder vertikal integrierte Produktionsketten zu Standortvorteilen auf dem globalen Markt werden können. Lohnerhöhungen führen in vielen Fällen zu direkten Qualitätssteigerungen. ArbeiterInnen wechseln weniger oft den Arbeitsplatz, sind weniger oft krank, sind motivierter und produktiver und erhöhen so die Wettbewerbsfähigkeit des Lieferanten.

Ausrede 4:
Unsere Firma schafft Arbeitsplätze – ohne unsere Aufträge hätten die Leute keine Arbeit und kein Einkommen.

Für viele TextilarbeiterInnen ist es tatsächlich so, dass sie lieber in einer Fabrik arbeiten, als sich andere Alternativen zu suchen. Das macht sie aber auch besonders verletzlich und abhängig vom Arbeitsplatz. Die grosse Abhängigkeit darf kein Vorwand sein, um Menschen auszubeuten. ArbeiterInnen fertigen unter hoher Arbeitsintensität die Produkte für die Modeindustrie, erhalten aber nicht annähernd einen fairen Anteil am Erfolg der Konzerne. Natürlich wollen wir, dass die Millionen von TextilarbeiterInnen weiterhin einen Job haben – das reicht aber nicht, um den Menschen eine faire Entwicklungschance und ein Leben jenseits der Armut zu ermöglichen. ArbeiterInnen weltweit sind heute einer grossen Willkür ausgesetzt. Ihnen werden Gewerkschaftsrechte verweigert, sie erhalten trotz unzähligen Überstunden nur Hungerlöhne, bekommen vielfach weder Mutterschutz noch eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Die Arbeit in den Kleiderfabriken und die Verweigerung eines Existenzlohnes sind für den Einzelnen in starkem Maß beanspruchend: schlechter Gesundheitszustand, Mangelernährung, Erschöpfung, zerbrochene Familienstrukturen. Gemäß der Menschenrechtsdeklaration (Artikel 23/3) hat jede arbeitende Person „das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.“

Ausrede 5:
Die Lebenshaltungskosten sind in den Produktionsländern viel geringer, der Lohn muss daher nicht so hoch sein.

Das Preisniveau ist nicht vergleichbar, das stimmt. Die heutigen Mindestlöhne in den Produktionsländern sind aber dermaßen niedrig, dass sie auch in den Produktionsländern kein Leben in Würde ermöglichen. Viele ArbeiterInnen erhalten zudem nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn zugesichert. Ein Existenzlohn sollte die Grundbedürfnisse wie Essen, sauberes Trinkwasser, Unterkunft, Kleider, Schule, medizinische Versorgung und Transportkosten decken. Darüber hinaus sollte ein frei verfügbares Einkommen bleiben, dass Sparrücklagen für größere oder unvorhergesehene Ausgaben sichert. Wir sind im Einklang mit der Menschenrechtsdeklaration und ILO-Standards der Meinung, dass es jeder Arbeiterin zusteht, für eine Standardarbeitswoche von max. 48 Stunden soviel zu verdienen, dass der Alltag in Würde bestritten werden kann. Ein Existenzlohn bedeutet also bei weitem kein Luxuseinkommen. Ein gesetzlicher Mindestlohn hingegen bedeutet heute in den Textilproduktionsländern ein Leben in bitterer Armut.

Ausrede 6:
KonsumentInnen sind nicht bereit, mehr für ihre Kleider zu zahlen.

KonsumentInnen haben sich zweifelsohne an sehr niedrige Preise gewöhnt. Der Lohnkostenanteil für die Produktion macht jedoch nur gerade 1-3% des Endverkaufspreises aus. Für ein T-Shirt von 8 Euro erhalten die ArbeiterInnen in der Fabrik im Durchschnitt gerade mal 0,08 bis 0,25 Euro (an der Produktion eines T-Shirts sind viele Menschen beteiligt, die 25 Eurocent beziehen sich daher nicht einmal auf den Lohn einer Einzelperson). Eine Verdoppelung der Lohnkosten in der Produktion führt nur zu marginalen Mehrkosten, die problemlos von den (vielfach) Millionen- oder Milliardengewinnen der Modeunternehmen getragen werden könnten. Selbst wenn die Mehrkosten direkt an die KonsumentInnen weitergegeben würden, wäre der Betrag so klein, dass er nicht ins Gewicht fiele.

Ausrede 7:
Wir halten in unserem Verhaltenskodex fest, dass wir einen fairen Lohn bezahlen.

Ein Verhaltenskodex auf der Website führt noch nicht zu einem Existenzlohn in den Fabriken. Zwar ist es wichtig, dass ein Unternehmen im Verhaltenskodex klar das Recht auf einen Existenzlohn für alle ArbeiterInnen verankert. Damit das kein leeres Versprechen bleibt, braucht es aber umfassende Umsetzungs- und Kontrollmaßnahmen, die idealerweise im Verbund mit anderen Firmen, Gewerkschaften und NGO angegangen werden. Es reicht zudem nicht, einen „fairen“ Lohn bezahlen zu wollen. Es ist nötig, dass Firmen sich öffentlich zum Recht auf einen Existenzlohn bekennen und transparent machen, an welcher Messgröße (Benchmark) sich die Firma orientiert, wie die Firma ein Existenzlohn berechnet, und wie diese Vorgabe umgesetzt wird.

Ausrede 8:
Wir können keine höheren Löhne bezahlen – die Wirtschaftskrise hat uns schwer getroffen.

Obwohl wir anerkennen, dass die Wirtschaftskrise einen Einfluss auf Modekonzerne hatte, ist klar: Das Recht auf einen Existenzlohn ist keine optionale Investition oder ein zusätzliches CSR-Programm, das Firmen nur in guten Zeiten anpacken können. In der Menschenrechtsdeklaration (Artikel 23/3) ist verbrieft, dass jede arbeitende Person das Recht hat „auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.“

Firmen stehen, wie auch die UN-Leitlinien „Wirtschaft und Menschenrechte“ klar festhalten, in der Pflicht, Menschenrechte zu achten. Ein Existenzlohn ist weder eine Gefälligkeit noch ein Privileg für Reiche, sondern eine Überlebensnotwendigkeit für alle, auch die ArbeiterInnen in den Kleiderfabriken.

Ausrede 9:
Wenn wir die Löhne erhöhen, locken wir besser qualifizierte Personen wie Krankenschwestern oder LehrerInnen an, die dann in den Fabriken arbeiten, weil sie dort dann mehr verdienen als im Spital oder an der Schule. Das macht die Bildungs- und Gesundheitssysteme vor Ort kaputt.

Dieses Szenario ist auf den ersten Blick möglich, doch wird die Signalwirkung einer Lohnerhöhung im Textilsektor unterschätzt. Wenn die Löhne in den Fabriken ansteigen, ist es wahrscheinlich, dass sich Regierungen im öffentlichen Sektor ebenfalls zu einer Lohnanpassung gezwungen sehen. Dank höherer Löhne zirkulieren mehr Mittel in der lokalen Wirtschaft und ermöglichen damit weitere Investitionen. Ein Existenz sichernder Lohn verleiht den ArbeiterInnen die dringend benötigte Kaufkraft, was wiederum das lokale Business ankurbelt und den Textilproduktionsländern helfen kann, sich aus der Armutsspirale zu bewegen. So wie der Profit heute in der globalen Textilindustrie verteilt ist, bringt die Industrie in den Produktionsländern nicht den erhofften Fortschritt, sondern zementiert Armut.

Ausrede 10:
Unsere Shareholder sind nicht gewillt, einen Existenzlohn zu finanzieren.

John Ruggie, UNO-Sonderbeauftragter, hält in den UN-Leitlinien „Wirtschaft und Menschenrechte“ fest, dass Unternehmen verpflichtet sind, Menschenrechte zu respektieren. Es braucht daher jetzt einen Paradigmenwechsel in der Firmenkultur. Es geht nicht an, dass Firmen und ihre Shareholder auf Gewinnmaximierung aufbauen und gleichzeitig Menschenrechte missachten. Ein Existenzlohn ist ein menschenrechtliches Grundrecht – dieses steht allen zu, auch jenen ArbeiterInnen, die Produkte herstellen und damit die Grundlage für Gewinneinnahmen von Modekonzernen liefern.

 

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